Prozessautomation

Digitalisierung im KMU: Wo anfangen, wenn alles gleichzeitig drängt?

Ich zeige dir, wie du den teuersten Prozess in deinem Betrieb findest, ihn ehrlich durchrechnest – und warum du erst danach über Software reden solltest.

Julius Remes

5 Min. Lesezeit

Die meisten Gespräche, die ich führe, fangen mit einer Software an. Jemand hat von einem Tool gehört, ein Wettbewerber hat was Neues, im Newsletter stand was über KI. Ich frage dann zuerst etwas anderes: Was kostet dich das heute an Zeit?

Ohne diese Zahl weißt du nicht, ob sich überhaupt etwas lohnt. Und ohne sie bekommst du von jedem Anbieter das, was er sowieso verkauft.

Der teuerste Vorgang ist selten der, über den du dich ärgerst

In fast jedem Betrieb gibt es einen Vorgang, über den sich alle beschweren. Und es gibt einen, der wirklich teuer ist. Ich habe selten erlebt, dass das derselbe ist.

Der laute kommt einmal im Jahr: die Inventur, die Jahresabrechnung. Ein paar Tage Ärger, dann ist Ruhe. Der teure fällt niemandem auf. Fünfzehn Minuten, aber täglich, bei drei Leuten. Das sind über 180 Stunden im Jahr. Beschweren tut sich darüber keiner, weil es sich nie nach viel anfühlt.

Häufigkeit schlägt Schmerz. Ein Handgriff, der dich täglich fünf Minuten kostet, ist über das Jahr teurer als einer, der zweimal jährlich einen ganzen Tag frisst.

Eine Woche Strichliste schlägt jede Software-Demo

Bevor du dir irgendein Werkzeug ansiehst, mach eine Woche lang etwas Unspektakuläres. Notier jeden wiederkehrenden Handgriff, der Daten von einem Ort an einen anderen bringt. Papier reicht. Ein Zettel neben der Tastatur reicht.

Ich bitte jeden Kunden darum, bevor ich ein Angebot schreibe. Nicht aus Prinzipienreiterei – ohne die Liste rate ich genauso wie alle anderen.

Drei Dinge gehören drauf:

  1. Was passiert – „Bestellung aus WhatsApp in die Excel-Liste übertragen"
  2. Wie oft – Striche, keine Schätzung
  3. Wer – weil derselbe Handgriff bei drei Leuten dreimal zählt

Am Ende der Woche hast du keine saubere Analyse. Du hast etwas Besseres: eine Liste, die auf Beobachtung beruht statt auf Erinnerung. Und die Erinnerung täuscht hier zuverlässig. Sie überschätzt seltene Ärgernisse und unterschätzt Routine.

Rechne es in Geld um, bevor du mit mir oder sonst wem sprichst

Nimm den Vorgang mit den meisten Strichen und rechne ihn hoch:

10 h / Monat

Ein Handgriff à 15 Minuten, zweimal täglich, an 20 Arbeitstagen

Zehn Stunden im Monat sind 120 Stunden im Jahr. Setz deinen internen Stundensatz ein – nicht deinen Angebotspreis, sondern was dich eine Arbeitsstunde wirklich kostet. Bei 45 Euro sind das 5.400 Euro im Jahr für einen einzigen Handgriff.

Diese Zahl brauchst du aus zwei Gründen. Erstens weißt du jetzt, ob sich überhaupt etwas lohnt. Kommst du auf 600 Euro im Jahr, ist meine ehrliche Antwort: Behalt das Problem. Zweitens verändert sie jedes Gespräch mit einem Dienstleister. Wer mit einer Zahl kommt, bekommt einen Vorschlag zu seinem Prozess. Wer ohne Zahl kommt, bekommt das Produktportfolio des Anbieters.

Du brauchst keine Branchenlösung

Genau hier setzt die typische Empfehlung an: die eine große Lösung, die Warenwirtschaft, Buchhaltung und Kundenverwaltung zusammenführt. Ich rate dir davon ab. Nicht weil es technisch nicht ginge, sondern weil solche Projekte Monate laufen, bevor irgendjemand im Betrieb einen Unterschied merkt. In dieser Zeit stirbt die Bereitschaft, sich umzustellen.

Dahinter steckt das Pareto-Prinzip, und im Betriebsalltag stimmt es erstaunlich gut: Ein kleiner Teil deiner Handgriffe erzeugt den größten Teil des Aufwands. Mit ungefähr 20 % der Arbeit kommst du an 80 % des Ergebnisses. Übersetzt heißt das – du musst nicht den ganzen Betrieb digitalisieren. Du musst die zwei, drei Vorgänge finden, die dich am meisten kosten.

Das ist die gute Nachricht an deiner Strichliste: Sie zeigt dir genau diese zwei oder drei.

Der erste Schritt muss klein, sichtbar und unstrittig sein

Ein guter erster Vorgang erfüllt drei Bedingungen:

  • Klein genug, um in Wochen fertig zu sein, nicht in Quartalen.
  • Sichtbar genug, dass mehrere Leute die Verbesserung im Alltag merken.
  • Unstrittig genug, dass niemand um den alten Weg kämpft.

Den letzten Punkt unterschätzt fast jeder, mich eingeschlossen, als ich anfing. Prozesse gehören Menschen. Wenn jemand seit acht Jahren die Bestellliste pflegt, ist diese Liste ein Stück Zuständigkeit. Entscheidest du über diese Person hinweg, hat dein Projekt einen Gegner, bevor die erste Zeile Code existiert.

Woran es tatsächlich hakt

Aus meiner Erfahrung liegt es fast nie an der Technik. Es ist eines von drei Mustern:

Der alte Weg bleibt offen. Die neue Bestellstrecke läuft, aber Bestellungen per WhatsApp nimmst du weiter an – „nur für Stammkunden". Jetzt hast du zwei Prozesse statt einem, und die Arbeit steigt. Digitalisierung spart dir erst dann Zeit, wenn der alte Kanal zugeht. Das ist deine Entscheidung, keine Funktion.

Du kommst nicht ran. Jede Preisänderung braucht einen Termin bei deinem Dienstleister. Nach einem halben Jahr sind die Inhalte veraltet, nach einem Jahr nutzt es keiner mehr. Frag deshalb vor Projektbeginn ganz konkret: Was kann ich selbst ändern, was nicht?

Es gab nie eine Zahl. Ohne die Messung am Anfang kannst du hinterher nicht zeigen, dass etwas besser geworden ist. Dein Projekt bleibt Geschmackssache – und Geschmackssachen verlieren gegen das nächste dringende Thema.

Ein Fahrplan, der in sechs Wochen passt

ZeitraumWas du machst
Woche 1Strichliste führen, nichts entscheiden
Woche 2Die drei größten Posten in Stunden und Euro umrechnen
Woche 3Mit den Beteiligten sprechen: Was nervt sie wirklich?
Woche 4Einen Vorgang auswählen, Abschalttermin für den alten Weg festlegen
Woche 5–6Umsetzen lassen oder selbst bauen – mit klarer Definition, was „fertig" heißt

Das ist unspektakulär. Es ist aber der Unterschied zwischen einem Werkzeug, das du nach drei Monaten noch benutzt, und einer Lizenz, die im Dauerauftrag steht.

Und was ist mit KI?

Dieselbe Regel. KI ist ein Werkzeug für bestimmte Aufgaben – Texte zusammenfassen, unsortierte Eingaben ordnen, Entwürfe erzeugen. Wenn dein teuerster Vorgang aber darin besteht, Zahlen von einem System ins andere zu tippen, brauchst du keine KI. Du brauchst eine Schnittstelle. Die ist billiger, schneller und tut jeden Tag dasselbe.

Die Frage ist heute dieselbe wie vor zwanzig Jahren: Welcher wiederkehrende Handgriff kostet dich am meisten – und was ist das einfachste Ding, das ihn beseitigt?

Häufige Fragen

Was kostet die Digitalisierung eines Prozesses in einem kleinen Unternehmen?

Das hängt weniger von der Technik ab als vom Prozess. Ein klar umrissener Einzelvorgang – eine Bestellstrecke, ein Formular mit automatischer Weiterverarbeitung – liegt meist im niedrigen vierstelligen Bereich. Wichtiger ist die Gegenrechnung: Kostet dich der Vorgang heute zehn Stunden im Monat, hast du das in der Regel innerhalb eines Jahres wieder drin.

Brauche ich für die Digitalisierung eine eigene IT-Abteilung?

Nein. Du brauchst jemanden, der den Prozess versteht, und jemanden, der ihn baut. Wichtiger als interne IT ist, dass du die fertige Lösung selbst pflegen kannst – Preise, Texte, Nutzer musst du ohne Anruf ändern können.

Womit sollte ich zuerst anfangen?

Mit dem Vorgang, der die meisten wiederkehrenden Handgriffe kostet und dessen Ergebnis alle im Betrieb sehen. Typisch sind Bestell- und Anfrageprozesse, Terminvereinbarung und das Übertragen von Daten zwischen zwei Systemen, das heute jemand per Hand macht.

Wie lange dauert es, bis sich das auszahlt?

Bei einem gut abgegrenzten Vorgang liegst du meist zwischen sechs und achtzehn Monaten. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn du den alten Weg wirklich abschaltest. Läuft er nebenher weiter, hast du mehr Arbeit als vorher.

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